14.995 – Jabal Abu Ghneim
2008
Die israelischen Kolonien im Westjordanland sind eines der effektivsten Mittel, mit denen Israel die Besetzung der palästinensischen Gebiet fortführt. Hunderte von Kolonien wurden auf strategischen Hügeln errichtet und obwohl dies unter internationalem Recht illegal ist, werden bestehende Siedlungen aggressiv ausgebaut. Sowohl die erhöhte Position auf den kahlen Hügeln als auch die architektonische Planung der Siedlungen erlaubt es den Bewohnern, die umliegenden fruchtbaren Talböden mit den palästinensischen Dörfern visuell zu kontrollieren: Der Aufbau der Siedlungen folgt dem Model einer befestigten Zitadelle, in der alle Gebäude konzentrisch angelegt sind und alle Fenster nach außen gewandt sind, um das Land auf allen 360° zu überschauen. Es ist kaum möglich ein palästinensisches Dorf zu finden, von dem aus man keine Kolonie am Horizont erblickt. Dadurch wird neben der physischen Besetzung der Landschaft die visuelle und akustische Besetzung, zur konstanten psychologischen Belastung, da man sich immer beobachtet fühlt. In diesem Sinne ähneln die Kolonien konzeptuell dem Panoptikum von Bentham, ein Gefängnis dessen Planung vorsieht, dass ein einziger Wärter alle Insassen von einem zentralen Turm aus kontrolliert. Die Insassen wissen nie, ob sie gerade observiert werden oder nicht, limitieren ihre Handlungen aber aus Furcht gesehen zu werden. Die allgegenwärtigen Kolonien, deren Expansion man täglich sehen und spüren kann, sind so was wie “lebende Einheiten” mit enormem visuellen, akustischen und psychologischen Auswirkungen auf den Alltag der Palästinenser. Paradoxer Weise wird seit dem Beginn der Zweiten Intifada das beobachten einer israelischen Kolonie vom israelischen Militär als ein ernsthafter terroristischer Akt klassifiziert. Aber wie sollte man die Siedlungen nicht beobachten, sind sie doch gebaut um immer im Sichtfeld der Palästinenser zu sein.
Am 22. Mai 2008 – am 14.995 Tag der israelischen Besetzung des Westjordanlands, des Gazastreifen und der Golanhöhen im Juni 1967 – haben wir das von den Kolonien verkörperte „Paradigma der Beobachtung“ auf den Kopf gestellt. Wir verbrachten 24 Stunden in einem palästinensischen Olivenhain gegenüber der Kolonie Jal Abu Ghneim/Har Homa (1). Von dort, einige hundert Meter von der Apartheids-Mauer (2) entfernt, beobachteten und filmten wir die Siedlung. Vom Olivenhain aus haben wir bewusst die Zeichen und Geräusche des Konflikts beobachtet: Die Bagger und Bulldozer bei Tag, die Feiern zum 60 Jahrestag der Gründung Israels bei Nacht.
(1)
Die Siedlung wird als illegal angesehen, da sie im Südosten der Grenze des Waffenstillstandsabkommens von 1949 liegt. Weiters verletzt die Siedlung die Abkommen des Oslo-Friedensprozess’ von 1993, da sie ein besetztes Gebiet fest bebaut und besiedelt und somit weitere Verhandlungen erschwert. Har Homa zeichnet sich zudem durch extrem schnelles und aggressives Wachstum aus und schließt einen Ring von Kolonien, die Israel rund um Jerusalem errichtet hat, um die Palästinenser von der Stadt abzuschneiden.
(2)
Die Mauer, welche vom Internationalen Gerichtshof für illegal erklärt wurde, wird bei ihrer Fertigstellung 720 km lang sein. Sie läuft nicht am Westjordanland entlang, sondern schneidet in dieses ein und holt die ertrag- und wasserreichsten Landschaftsabschnitte auf die israelische Seite.
Das Projekte wurde mit der Unterstützung des Amts für Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen realisiert.


Videoausschnitte
Flattening the sand / excavators at work
Sonnenuntergang
Patrouillierte Magic Hour
Patrouille
Ufo / Überwachungsgerät
Sonnenaufgang

Wo wir gefilmt haben

Einige Fotos des Inneren Har Homas und des Expansionsgebietes der Kolonie



