Kurz nach Weihnachten sind wir nach L’Aquila aufgebrochen. | BRAVE NEW ALPS | Bianca Elzenbaumer & Fabio Franz

Kurz nach Weihnachten sind wir nach L’Aquila aufgebrochen.

Kurz nach Weihnachten sind wir nach L’Aquila aufgebrochen, vom Wunsch getrieben, die Lage der Provinzstadt und der umliegenden Dörfer neun Monate nach dem schweren Erdbeben zu verstehen. Wir wollten selbst sehen, was mit den verschiedenen weit fortgeschrittenen oder fast abgeschlossenen Hilfsprojekten staatlicher und nicht staatlicher Art erreicht wurde. Wir sind auch nach L’Aquila gefahren, weil wir den Nachrichten nicht trauen, welche die Massenmedien kontradiktorisch und sehr sporadisch über die Situation der Stadt und deren Umgebung verbreiten. Zum besseren Verständnis wollten wir die Situation hautnah erleben, um ihr einen Sinn geben können; hinschauen, wo die Fernsehkameras wegschauen, die Zeit und Gedankenfreiheit haben, die für eine genauere Aufarbeitung nötig sind.

Hier im folgenden ein kurz gefasstes Resümee unserer Erfahrung und der daraus folgenden geistigen Produkte.

Erster Tag

Nach 7 Stunden Autofahrt kommen wir am 27. Dezember 2009 in L’Aquila an. Schon von der Autobahn aus sieht man die ersten Zeichen des Erdbebens, nämlich die roten Schilder, die die Protezione Civile angebracht hat, um den Fluss der hilfebringenden Fahrzeuge zu regeln.
Wenig später bei der Suche nach unserer Herberge, die einige Kilometer westlich der Stadt liegt, begegnen wir einigen Holzhäusern und Zelten. Dann fahren wir an einer der neuen Siedlungen des Projekts C.A.S.E. (erdbebensichere umweltfreundliche ökologische Bauten) vorbei. Diese von der Regierung in auftraggegebene Siedlung ist beinahe fertiggestellt, dreigeschossige auf erdbebensicheren Pfeilern gebaute Mehrfamilienhäuser, mit modernem mehrfarbigem Klimahaus-Look. Etwas befremdlich stehen sie an der Landstraße, mitten im Nichts, 4 Km entfernt von L’Aquila.

Offensichtlich verfahren wir uns, und auf einer Nebenstraße in der Nähe von Scoppito erreichen wir eine Gruppe von kleinen schon bezugsfertigen Holzhäusern. Sie sind ordentlich in Reih und Glied an einem Hang gebaut, mit Kieswegen verbunden, aber völlig isoliert. Wir werden neugierig, aber wir wollen zuerst unsere Herberge erreichen.

Zwei Stunden später, bei Beginn der Dämmerung, fahren wir Richtung Stadt. Wir folgen den Anzeigetafeln zum Zentrum und längs der via 20 Settembre sehen wir gleich zu unserer Linken und Rechten Sozialbauten, möglicherweise aus den 60er Jahren, fast alle mit Rissen, Löchern, stellenweise eingestürzt und selbstverständlich nicht mehr bewohnt. Der Putz ist in großen Stücken abgefallen, darunter die Ziegel. Viele Außenmauern sind wie von großen Projektilen durchlöchert. Die zwischen den Stahlbetonträgern ausgemauerten Ziegelwände sind teilweise eingestürzt und lassen heruntergefallene und noch hängende Decken sehen. Einige Gebäude sind vollständig ausgehöhlt. Historische Steinbauten sind abgestützt, eingepackt in stählerne Stützkonstruktionen oder mit breiten Gurten zusammengeschnürt. Marmorgesimse liegen geordnet auf dem Bürgersteig. Pfeiler, durch die Überbelastung deformiert, sind mit Gurten gesichert oder teilweise mit Stahlträgern rekonstruiert. Große Schutthaufen warten auf den Abtransport. Hier und da sind Weihnachtslichter angebracht. Wenige funktionieren.
Die Szenerie trifft uns wie ein Faustschlag. Unsere Gedankengänge vermischen sich, wie sehen eine bombardierte Stadt und irgendwo taucht das Bild der Einwohner von Beirut auf, die nach dem Krieg von 2006 im Auto durch ihre zerstörte Stadt fahren. Seltsame Gefühle entstehen in uns, ein Gemisch aus Neugier oder besser Voyeurismus und gleichzeitig Schuldgefühle, weil wir da sind und diese tragische Szene betrachten.

Nach einer unendlich scheinenden Steigung sind wir endlich in der Nähe des alten Stadtkerns. Wir gehen zu Fuß weiter Richtung Zentrum. Es scheint, dass die Armee mit gepanzerten Fahrzeugen und Jeeps alle möglichen Zugänge zum Zentrum kontrolliert. Einige Soldaten sind bewaffnet. Wir sind nicht allein. Wir sind Teil einer Menge von Menschen, die sich, genauso wie wir, in der Dunkelheit und Stille zwischen Gebäuden bewegen, die von Strukturen schwarzer Stahlrohre gestützt werden als wären sie in einem eisernen Spinnennetz gefangen.

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L’Aquila ist eine bandagierte Stadt, wie eine Ansammlung von müden Wesen, zusammengehalten von Gurten, die ihr Explodieren verhindern. In der Dunkelheit, die hier und da unterbrochen ist von orangen und blauen Lichtern, erhält das Ganze eine surreale Atmosphäre. Es scheint als nähmen wir an einer Leichnamsprozession teil. Einige Straßen sind abgesperrt, jedoch gut beleuchtet wie die Glasschränke in einem Museum – berühren und betreten verboten.

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Uns überrascht auch ein zur Hälfte funktionierender Weihnachtsmarkt, an dem eine griechische Tanzgruppe auftritt, um „den Brüdern von L’Aquila Feierlichkeit und Freude zu schenken“. Zuschauer gibt es wenige und anscheinend nicht vom Ort.
Zurück in der Herberge müssen wir verarbeiten, was wir gesehen haben. Momentan wissen wir nicht, unsere Gedanken zu ordnen.

Zweiter Tag

Am folgenden Morgen kehren wir zur Ansammlung von kleinen Holzhäusern in der Nähe von Scoppito zurück, die wir am Vortag kurz gesehen hatten. Abgesehen von einigen Arbeitern sehen wir keine Menschen in der Siedlung. Sie scheint noch unbewohnt. Von einem Hügel wollen wir einige Aufnahmen machen. Dort nähert sich uns eine ältere Frau, die mit ihrer Familie nicht weit von den neuen Häusern wohnt. Aufgeschlossen und freundlich lädt sie uns zu einem Kaffee ein und erzählt uns von ihrem Leben auf dem Lande und den Schafen, die sie mit ihrem Mann hält. Von dem Erdbeben spricht sie wenig, ihr Haus ist verschont geblieben und allgemein scheint das Geschehene weit weg von ihrem Alltag, der unverändert geblieben ist. „Das Unglück bereichert die Reichen und die Armen werden ärmer“, sind ihre einzigen Worte zum Vorgefallenen. Von ihrem Mann erfahren wir, dass die Holzhäuser von der deutschen pharmazeutischen Fabrik Sanofis-Aventis für die von dem Erdbeben betroffenen Angestellten und Arbeiter gebaut wurden. Eine Fabrik des Unternehmens befindet sich in der Nähe.

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Zurück in L’Aquila nehmen wir uns vor, den Ort aufzusuchen, wo Dario Franceschini in dem Industriegebiet von Pile eine Rede halten soll. Er hat mit dem Partito Democratico den Betrieben von L’Aquila eine Finanzhilfe zum Wiederanfang zukommen lassen. Leider finden wir den Ort der Veranstaltung nicht und kehren zurück in die via 20 Settembre. Wir parken das Auto am Anfang der Steigung und gehen zu Fuß in Richtung Zentrum. Was wir am Vorabend nur flüchtig im Vorbeifahren gesehen haben, wollen wir jetzt genau untersuchen. Wir begegnen vier Feuerwehrleuten, die als einzige in diesen Tagen vor Neujahr zu arbeiten scheinen. Sie erklären uns, dass wir uns frei unter Beachtung der Absperrungen bewegen können. Und so beginnen wir unseren Weg zwischen zerstörten und leeren Häusern. Die Mehrzahl der Gebäude ist schwer beschädigt, seltsamerweise sind einige Häuser, wahrscheinlich in der gleichen Zeit gebaut, praktisch unbeschädigt. Anscheinend haben die mit Vollziegeln gebauten Häuser besser standgehalten als jene aus leichten Hochlochziegeln. Ein ganzer Block dieser Häuser wird zur Zeit repariert, die anderen hingegen wagt man scheinbar nicht zu berühren.

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Wir nehmen den gleichen Weg durch die Altstadt wie am Abend zuvor und sehen noch mehr Feuerwehrleute bei der Arbeit in den abgesperrten Bereichen der Stadt. An einem improvisierten Essplatz unter einem Blechdach nehmen einige von ihnen eine Mahlzeit ein. Nach Beendigung einer bestimmten Arbeit, etwa dem Abstützen einer Kirche, lässt jede Gruppe von Feuerwehrleuten ein Hinweisschild an dem betreffenden Bauwerk, das Aufschluss über die Herkunft der Hilfe gibt.

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Wir verlassen das Zentrum um die via Strinella zu suchen, in der sich der Sitz der 3e32 befinden sollte. Dies ist eines der diversen autonomen Bürgerkomitees, die nach dem Erdbeben gegründet wurden. Selbstverwaltet, no-profit, parteilos, sozialengagiert sieht dieses Network seine Aufgabe in der Förderung der Beteiligung der Aquilaner beim Wiederaufbau – im Widerspruch zum Mangel an Transparenz der staatlichen Entscheidungen ohne Teilnahme der direkt Betroffenen. Es soll auch die durch das Erdbeben zerrissene Bürgerschaft zur Kommunikation anregen. Die Hilfsmaßnahmen der Regierung bewirkten die Zersplitterung der Gesellschaft durch die Unterbringung hunderter von Menschen in Zeltlagern (die am ersten Dezember aufgelöst wurden), in den Projekten C.A.S.E. und M.A.P. (Provisorische Wohnmodule) , als auch durch die Verlegung tausender Personen in Hotels an der Adria und in Kasernen. Heute sind noch ca. 5000 Menschen an der Küste untergebracht.

Via Strinella verläuft hinter der Altstadt. Hier sind die Häuser nicht so beschädigt wie in der via 20 Settembre, aber dennoch leerstehend. An den meisten dieser Gebäude wird seltsamerweise nicht gearbeitet, sie sind einfach verlassen. Wohnhäuser in Eisenbeton mit ungewisser Zukunft, während an Kirchen, Denkmälern und alten Palästen des Zentrums emsig gearbeitet wird.
Obwohl einige Geschäfte an der Straße geöffnet sind, wirkt sie total verödet. Auf einem Plakat lesen wir: „Schuetzen wir uns vor dem Beschützer“, unterschrieben von 3e32. Da wir den in der via Strinella vermuteten Sitz der Gruppe nicht finden, rufen wir an und wir werden in den Garten des Krankenhauses von Collemaggio geleitet. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer Basilika vorbei, die hinter einem riesigen Netz von Stahlrohren versteckt ist. Davor wieder ein Panzerfahrzeug des Militärs. Auf dem Platz vor der Kirche sind zwei sich gegenüberstehende Fichten mit trauriger Weihnachtsbeleuchtung geschmückt. Wir machen von dem absurden Bild ein Foto.

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Wir erreichen den Sitz von 3e32 im Park des alten neuropsychiatrischen Krankenhauses. Gezwungen, mehrmals den Platz zu wechseln, hat das Komitee beschlossen, ein kleines Gebäude in der Nähe der Container des Gesundheitsdiensts zu besetzen. Wir werden freundlich empfangen, und einer der jungen Männer versucht uns, die aktuelle Lage im Erdbebengebiet zu schildern. Tatsächlich scheint momentan wenig Klarheit zu herrschen, beispielsweise sind die Kriterien, welchen Personen und welchen Gebieten geholfen wird, wenig transparent. Auch die Art der Ausweisung von Wohnungen der Projekte C.A.S.E. und M.A.P. ist unklar. Außerdem schildern die Medien die Situation sehr unvollständig, nicht exakt und kontradiktorisch. Es scheint, dass auch die verschiedenen Komitees, die sich nach dem Erdbeben konstituiert haben, jetzt ohne Verbindung zueinander sind und ihre anfängliche konstruktive Energie schwindet. Folglich besteht die Gefahr, sich der Apathie und dem Vertrauen in die Hilfe des Staates zu ergeben. Die Aquilaner wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Es gibt keine Klarheit darüber, wie lange die Menschen in dieser ungewissen Situation warten müssen, ob und wo der Wiederaufbau vonstatten gehen wird, wie und wann und für wie lange Steuererlass für die Erdbebenopfer gegeben wird, usw. Die Initiativen zur Organisation von der Basis her sind selten, wenig dauerhaft und nicht abgestimmt.

Zur Geschichte der 3e32: Die Gruppe bildete sich wenige Wochen nach dem Erdbeben. Die Gründungsmitglieder waren alle in einer der Zeltstädte des Zivilschutzes untergebracht. Innerhalb des Lagers galten strenge Regeln, sogar bezüglich der Informationen und des Flusses der aus- und eingehenden Personen. So hat eine Gruppe beschlossen, das Zeltlager zu verlassen und eigene Zelte in einem öffentlichen Park aufzuschlagen, mit Ablehnung von staatlichen Hilfen und Vorschriften. Mit der ersten Kälte im September mussten die Mitglieder von 3e32 eine beheizbare Unterkunft finden und nach langem Pilgern sind sie hier im Park angelangt.

Wir sind über ihre Situation sehr betroffen. Nicht aufzugeben ist schwer, aber wichtig. In der Gruppe ergibt man sich nicht so leicht der Verzweiflung und der Tatlosigkeit sowie den von oben aufgezwungenen Entscheidungen. Man fühlt sich stärker, man kann in der Diskussion klarere Gedanken formulieren in der Hoffnung, ernst genommen zu werden von jenen, die die Situation in der Hand haben, aber nicht daran denken, welchen Wert die Teilnahme der Betroffenen an dem Wiederaufbau hat. Eines hat uns am meisten beschäftigt, nämlich die Frage, wie neben der räumlichen Neuordnung auch ein Wiederaufbau der sozialen Beziehungen zu erreichen wäre. Es könnte auch sein, dass die neue räumliche Gestaltung zur Zersplitterung der Bevölkerung statt zur Schaffung von neuem Zusammenhalt führt.

Was wir hören, macht uns wütend. Der Einsatz des Zivilschutzes stellt sich dar wie eine militärisch von oben gesteuerte Aktion, ohne Mitwirkung der Bevölkerung, perfekte Rundumhilfe. Entscheidungen werden getroffen, keiner von den Betroffenen weiß warum, so entsteht Unmut. „Partizipative Planung“ ist ein unbekanntes Wort. Und jene, die wie die Gruppe 3e32 zu handeln versuchen, werden nicht angehört und ermutigt, sondern behindert, als anarchistische Agitatoren dargestellt. Menschen wird der neue Status „Erdbebenopfer“ zugewiesen. Man lebt in den Tag hinein, nimmt was kommt.

Es ist schon verständlich, dass viele wichtige Entscheidungen in kürzester Zeit getroffen werden mussten. Die Grundbedürfnisse der Menschen waren zu befriedigen, sie brauchten ein Dach über dem Kopf. Das rechtfertigt jedoch nicht die Tatsache, dass Entscheidungen getroffen werden, ohne langfristig zu planen. Die Zukunft dieser Gegend sollte in emanzipierter Weise gestaltet werden, denn die Betroffenen können selbst denken, planen, handeln. Vielleicht hätten überlegte und weniger eilfertige Maßnahmen sowie ein stärkeres Vertrauen in die Mitarbeit der Bevölkerung bessere Perspektiven für die Zukunft eröffnen können.

Dritter Tag

Wir nehmen uns vor, einige der 19 “new town” des Projekts C.A.S.E. zu besichtigen. Gebaut zwischen Anfang Juni und Dezember, befinden sie sich willkürlich verstreut rund um die Stadt. Auf der Karte sehen sie aus wie Splitter einer Granate . Auf den ersten Blick sehen diese Wohnviertel sehr modern aus, gebaut nach dem neuesten Stand, bei näherer Betrachtung aber sind sie eine moderne Version der wildgebauten Mehrfamilienhäuser, wie sie überall in Italien zu sehen sind. Diese Häuser werden noch für sehr lange Zeit hier stehen und das Leben der Menschen begleiten.

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Wir sehen uns die Neubauten in Sassa, Cese, Coppito 2 und 3, Bazzano und Paganica an: Der Bau ist überall unterschiedlich weit fortgeschritten, sie gleichen sich jedoch alle. Zwei oder drei Haustypen wurden gebaut, sie sind lediglich mit verschiedenartigen Materialien verkleidet. Man könnte annehmen, dass die Architektur dieser Häuser schon lange schon vor dem Erdbeben bestand, und dann hier und da in dem „Krater“ verteilt wurde. Wir fragen uns, welches Architektenbüro sie entworfen haben mag. Es sind dreistöckige Eisenbeton-„Pfahlbauten“ mit Parkraum zwischen den Pfeilern, andere sind direkt auf einer ebenerdigen erdbebensicheren Betonplatte gebaut. Sie erinnern uns an moderne englische Sozialbauten. Im Inneren möglicherweise Standardmöbel, eine Grundausstattung von Sofas, Sesseln, Regalen, Küchenmöbel, Handtüchern, Wäscheständern und Fernsehern, je nach der Zahl der Familienmitglieder.

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Viele der neuen Wohngebiete stehen auf freiem Feld. Viele Familien wohnen schon in ihrer neuen Wohnung – bevorzugt werden solche mit Kindern oder alten Leuten. Ein starkes Gefühl der Entfremdung ist in allen “new towns” zu spüren, sowohl individuell als auch im Allgemeinen von den Menschen in L’Aquila. Werden diese Wohnviertel nur als Schlafstädte dienen? Keine Geschäfte, keine Bars, keine Treffpunkte, jeder für sich. Öffentliche Verkehrsmittel fehlen weitgehend, man wird sich per Auto bewegen müssen. Vielleicht liegt es an dem schlechten Wetter, aber diese Orte machen traurig durch das was sie sind und durch ihrer Machweise.

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Für wie lange werden diese neuen Städte bewohnt werden? Die Neubauten geben einen soliden dauerhaften Eindruck. Welches Sozialleben außer arbeiten und schlafen kann sich hier entwickeln? Welchen Raum wird die Stadtplanung für andere Aktivitäten geben?

Man gewinnt den Eindruck, dass die dringenden materiellen Bedürfnisse der Menschen als Vorwand genommen werden, um einen schnellen und ungenauen Wiederaufbau irgendwo zu rechtfertigen. Diese Wohnhäuser sind alles andere als provisorische Holzhütten, sie sind gedacht um zu bleiben. Sind die bereitgestellten Hilfsgelder erstmal verbraucht, werden (vielleicht) alle Umgesiedelten wieder ein Dach über dem Kopf haben, und die Regierung hat ihr Versprechen gehalten. Aber L’Aquila wird nach der neuen Ordnung nicht mehr sein wie früher, so örtlich und sozial auseinandergesprengt. Diese Aspekte sind im voraus schwierig zu bewerten und werden offensichtlich als weniger wichtig abgetan. Tatsächlich wird keiner in der Lage sein, vorauszusehen, welche Auswirkungen diese Raumplanung in einigen Jahrzehnten haben wird. In der Zwischenzeit wird der Wiederaufbau als „Weltrekord der Rekonstruktion“ bezeichnet.
Wer weiß, ob die Opfer des Erdbebens die Altstadt wieder beleben werden. Wovon lebt eine Stadt? Wozu dienen die reparierten Denkmäler und Kirchen in einer weitgehend menschenleeren Stadt?
Das Projekt C.A.S.E. erinnert uns an die Situation der palästinensischen Lager, wohin die Flüchtlinge aus ihren Wohnungen in Folge des 1948-Krieges gebracht wurden. Die Grundprobleme scheinen ähnlich: Indem man dauerhafte Wohnstrukturen baut – im Fall der Palästinensersiedlungen wie in der Umgebung von L’Aquila – entfernt man sich von dem Gedanken einer Rückkehr der Menschen in ihre alten Wohnungen vor der Katastrophe.
Aus dem Unglück könnten auch positive Konstellationen für die Zukunft entstehen. Mit der Ansammlung dieser Baukomplexe läuft man jedoch Gefahr, nur Schlafstädte ohne jede Infrastruktur und ohne positive Sozialaspekte zu schaffen.

Erst nachdem wir uns diese Räumlichkeiten angeschaut haben, ist es uns klar geworden, wie die Bilder in den Massenmedien täuschen: Man sieht moderne Ökohäuser, die perfekte Leitung vom Staat, und ist beruhigt.

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Am frühen Nachmittag begeben wir uns nach Onna, dem am schwersten betroffenen Dorf, das zu 80% zerstört wurde. Von den etwa 350 Einwohnern starben hier 41 am 6. April. Die meisten Häuser waren wohl sehr alt und aus Naturstein gebaut. Zusammen mit Deutschland und dem Roten Kreuz hat die Provinz Trient ein neues Dorf von provisorischen Holzhäusern gebaut. Positiv ist, dass diese Häusergruppe in direkter Nähe des alten Zentrum errichtet wurde. Die Einwohner haben sich gegen eine von der Protezione Civile geplante Umsiedlung erfolgreich gewehrt und haben sich aktiv an der Planung des neuen Dorfes beteiligt. Die begrenzte Lebensdauer der Häuser ist Garant für die Rekonstruktion des alten Dorfes, man denkt, dass die Holzhäuser Zug um Zug verschwinden werden, sobald der alte Kern neu aufgebaut ist. Bevor es so weit ist, werden selbstverständlich Jahre vergehen. Die Einwohner von Onna wissen jedoch im Gegensatz zu denen, die in den “new towns” leben, dass sie früher oder später zurückkehren werden. Das Ganze wirkt im guten Sinne wie eine Feriensiedlung, die offene und „kommunikative“ Anordnung der Häuser scheint die Beziehungen unter den Bewohnern zu erleichtern. Im Zentrum gibt es sogar eine Kirche und einen Kindergarten, der auch als Treffpunkt dienen wird.

Wir bewegen uns in Richtung Pescomaggiore, einem winzigen Dorf auf der Spitze eines Hügels, 4 Kilometer entfernt von Paganica. Auch hier sind viele alte Häuser zusammengebrochen oder schwer beschädigt. Außer einer Frau treffen wir niemanden, der Ort scheint unbewohnt. Auf einem Platz nahe dem Zentrum sprechen wir mit zwei Arbeitern, die mit dem Bau eines kleinen provisorischen Wohnmoduls M.A.P. beschäftigt sind.
Einige hundert Meter außerhalb des Dorfes werden sieben kleine energiesparende Häuser mit Wänden aus Stroh und Holz gebaut. Dieses Projekt EVA (Selbsterrichtetes Ökodorf) ist Frucht der Arbeit des Komitees für die Wiedergeburt von Pescomaggiore. Schon vor dem Erdbeben konzipiert, scheint es sich hier um einen der wenigen Fälle zu handeln, wo das Unglück einen positiven Anstoß zu etwas selbstbegonnenen und selbstbeteiligten gegeben hat. Das Komitee ist aus der Basis ohne Beteiligung vom Staat entstanden und hat zum Ziel, die Wirtschat des Dorfes zu beleben und der Entvölkerung durch eine Kombination von biodynamischer Landwirtschaft und Tourismus entgegenzuwirken. Ein Helfer, der an einem Haus arbeitet, das zur gemeinschaftlichen Nutzung bestimmt ist, schildert uns das gesamte Projekt, das nur durch Spenden und freiwillige Arbeit ermöglicht wird . Er selbst wird nicht in diesen Häusern wohnen, beteiligt sich aber dennoch begeistert an diesem Projekt. Er äußert sich pessimistisch bezüglich der Maßnahmen, die im Gebiet L’Aquila durchgeführt werden. Er meint, ein neues gesellschaftliches „Erdbeben“ werde passieren, nachdem die staatliche Hilfe beendet sei.

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E.V.A. stellt ein Gegengewicht zu dem dar, was wir bisher gesehen haben. Hier stellt man sich selbst wieder auf die Füße. Der Ball wird im Flug ergriffen, man handelt solidarisch und ökologisch. Es ist eine Vision, ein Projekt, das Hoffnung und Willen zum Handeln weckt.

Vierter Tag

Auf der Rückfahrt denken wir wieder über das Wort Wiedergestaltung nach: Wieder in eine Form bringen. Nach einem Erdbeben muss alles neu gestaltet werden, sowohl physisch als auch gesellschaftlich: Häuser, Schulen, Betriebe, Dienstleistungen, alles zerstört und dazu ändern sich auch die sozialen Kontakte. Wir fragen uns, ob ein Erdbeben ein nicht nur negatives Ereignis sein kann. Die Möglichkeiten dazu existieren, wenn die geleistete Hilfe auch zur Emanzipation der Betroffenen beiträgt und nicht nur zur Tatlosigkeit durch zu viel organisierte Unterstützung von oben verdonnert. Die Erdbebenopfer müssen als Subjekte erkannt werden, die aktiv ihre Stadt und ihre Zukunft neu gestalten werden.


 

Vielen Dank für die kostbare Hilfe bei der Übersetzung an Romana und Wolfgang Franz.